Zizek war da!
Auch bei der Lesung bricht Zizek wieder eine Lanze für politische Unkorrektheit. Das prinzipiell mangelnde Verständnis für den "Neighbor", die Unfähigkeit, fremde Kulturen jemals voll und ganz verstehen zu können, legt er in ihrem übertriebenem, anbiederndem Multikulturalismus bloß und ärgert sich etwa über die tölpelhafte Aufgeschlossenheit gegenüber exotischem Essen. (mein gegenwärtiger Zimmergenosse Johannes hat dafür sogar mich als Beispiel verwursten können, wenn auch nicht ohne großzügige Ausschmückung seinerseits. Liest sich aber trotzdem witzig: http://maennerfantasien.blogspot.com/2008_01_01_archive.html ) Letzten Endes führe dieses oberflächliche Verständnis für den Anderen dann zu Abenteuern wie dem Amerikanischem im Irak, wobei geglaubt werde, dass Demokratie eine Art Universalheilmittel darstellt, das jedem Volk zusagen muss, während das eigentliche, unmöglich verstehbare Andere unentdeckt bliebe und im Untergrund mit Bomben um sich schmeiße.
Doch mal ehrlich: Wo ist der Zusammenhang? Wenn ich in der Küche stehe und ein paar Chinesen unbeholfen erzähle, dass ich ganz gerne süß-sauer esse, was hat das dann damit zu tun, dass fehlgeleitete Kolonisateure in ein fremdes Land einfallen und streng gläubigen Muslimen die Unterwäsche durchwühlen, weil die sich anders kein demokratisches Staatssystem aufpfropfen lassen? Soll ich jetzt aufhören Englisch zu sprechen, nur weil mir manchmal ein Wort nicht einfällt, oder ich diesen Song nicht gehört, diesen Film nicht gesehen habe? Ist das Studium meiner amerikanischen Germanisten-Kollegen vergebens, nur weil ihnen manchmal ein "Die Buch" herausrutscht, gehören sie deshalb in eine Reihe mit ihren militaristischen Landsleuten?
Darüber hinaus ist Zizek am Ende auch eine klare Linie (und damit auch der "Act", von dem nun keiner genau weiß wie er aussehen soll) nicht mehr wichtig, wenn er das Christentum zu einer säkularen Bewegung uminterpretiert, die eine soziale Revolution auslösen soll. Na, hoffentlich treten die vielen sich gegenseitig unmöglich verstehen könnenden "neighbors" sich bei so einer Gewaltvergemeinschaftung mal nicht auf die Füße! Keine Gefahr also für den Elfenbeinturm. Man konnte sich einen Abend lang intelligente, lustige und dem Mainstream entgegengesetzte Gedankengänge anhören, am Ende aber auch wieder feststellen, dass sie sich gegenseitig widersprechen. Niemand muss sich ändern oder sein Leben auf den Kopf stellen, das altbewährte Lesen, Nachdenken und Interpretieren wird schön fortgeführt. Zizek war also quasi für Akademiker das Äquivalent zu einem Hollywood-Film, der Menschen aus der Alltagswelt entführt, um sie durch diese Lockerung der Fessel wieder umso stärker daran zu binden - auf verdammt hohem Niveau allerdings!
Meiner Meinung nach sollte Zizek sich einmal einen Kompass für seine doch wirklich interessanten Gedanken besorgen. Dann könnte er vielleicht einen Unterschied sehen zwischen der gewaltsamen Verletzung von Territorials- und Intimsphären und den tolpatschigen, aber letzten Endes respektvollen Versuchen, sich fremden Menschen behutsam zu nähern. "The Neighbor" ist sicherlich ein interessantes Konzept und zeigt deutlich, warum man den Kontakt mit ihm nicht brutal erzwingen darf. Aber sollen wir, nur wegen dieses Phänomens, den „Neighbor“ nicht verstehen zu können, das gar nicht erst versuchen? Genauso wenig interessier ich mich auf der anderen Seite für irgendein abstrakt bleibendes, ob nun christliches oder säkularisiertes, Heilsversprechen, unter dessen simplem Dach sich zwar jeder verstehen könnte, das aber erstens wiederum die Andersartigkeit des „Neighbor“ unterdrücken muss und das zweitens unserer Kultur jedes Blut und jede Lebendigkeit, in letzter Konsequenz jede Persönlichkeit aussaugen muss, um zu funktionieren. So sehr Zizek gegen Political Correctness vorzugehen scheint, manche seiner Gedanken vollenden eine grausige Form davon in letzter Konsequenz, wenn man sich ihnen ausführlich widmet. Zum Glück ist er selbst zu inkonsequent das zu tun, das macht ihn so sympathisch.
