Sonntag, September 13, 2009

Die Legende von Bagger Vance




Der ehemalige Golfprofi Rannulph Junuh hat seinen Lebenssinn im Ersten Weltkrieg, als er sämtliche Männer seiner Kompanie in den sicheren Tod schickte, leider verloren. Nun steht seine Heimatstadt Savannah mitten in der Großen Depression, während er schlecht rasiert, Karten spielend und debil grinsend solange genügend Alkohol da ist, die Tage vertrödelt. Auch seine Verlobte Adele Invergordon hat er durch sein Aufgeben verloren. Zwar kann sie ihn nicht sofort dazu bewegen, bei einem hochkarätigen Golfturnier mitzuspielen, das dem Golfplatz von Adeles überschuldetem Vater, der seinem Leben darüber ein Ende setzte, zu neuem Leben verhelfen soll. Doch ihr Auftreten stachelt Junuh dann doch so sehr an, dass er schließlich, mit Hilfe des Caddys Bagger Vance, nicht nur ein großartiges Turnier spielt, sondern auch seine Liebe wieder zurückgewinnt.

Etwas eitel wollte Redford selbst den Part des jungen Kriegsheimkehrers Junuh spielen. Zum Glück hat er stattdessen Matt Damon den Part überlassen. Für die Rolle seines geheimnisvollen Mentors Bagger Vance hat er - um das Alter halbwegs parallel zu halten - nicht Morgan Freeman engagiert, dem die immer gleiche Rolle des weisen alten Mannes zu diesem Zeitpunkt auch schon zu den Ohren heraushing (Seven, Amistad, Die Verurteilten, etc. haben diesen seinerseits zu der Aussage bewegt, anscheinend in einer „Schublade voll Würde und Autorität“ festzustecken), sondern dem ewigen Spaßvogel Will Smith endlich einmal die Gelegenheit gegeben, sein dahingehendes Potential auszuloten. Die überzeugende Wandlungsfähigkeit des Fresh Prince, der einen großartigen Jesus-ähnlichen Vagabunden und Caddy gibt, rechtfertigt dessen heutiges Ansehen denn auch in aller Deutlichkeit.

Die Geschichte vom Mann, der vom rechten Weg abgekommen ist und ihn wieder findet, ist eine - vor allem im amerikanischen Kino - schon sehr oft gesehene Geschichte, die, sollte man meinen, durch das Golfspiel als ihr zentrales Thema nicht gerade aufregender wird. Doch gerade dieser Sport, bei dem die Einheit von Körper und Geist, das hochkonzentrierte und präzise In-Bewegung-Setzen sämtlicher Gliedmaßen um einen möglichst perfekten Schlag auszuführen, so wichtig ist, reflektiert die inneren Kämpfe Junuhs, der seine Kriegsdämonen erst abschütteln muss, um wieder richtig Mensch sein zu können. Der eigentliche Knackpunkt liegt darin, diese Verbindung von Golf und innerem Seelenspiel interessant und anschaulich zu inszenieren. Doch wozu hat man Robert Redford, der hinter der Kamera nun wahrlich am rechten Platz ist. Kaum jemand beherrscht es wie er, das langsame Sich-Sammeln einer zerrütteten und traumatisierten Innerlichkeit so subtil und ergreifend aufzuzeigen, wie er es schon im Pferdeflüsterer getan hat. Wenn er zeigt, wie Bagger Vance dem angestrengt seine Bälle dreschenden Junuh hilft, Ruhe und Kraft im Innern zu finden, um anschließend den Ball elegant in die Nähe des Lochs fliegen zu lassen, läuft der Altmeister zu Hochform auf und wird dabei von fähigsten Mitarbeitern unterstützt. Meditativ in sich ruhende Naturbilder im Blick Junuhs, die Kräftigung seiner Konzentration widerspiegelnd und schließlich kaum merklich in Verfolgungsjagden seiner dann wieder kraftvoll geschlagenen Golfbälle übergehend, gekonnt in Szene gesetzt von Scorsese-Hofkameramann Michael Ballhaus, verwöhnen das Auge. Ein in Szenen dieser Art zunächst in subtilen, kurzen, aber ausgedehnt gespielten Tonabfolgen daherkommendes, danach langsam-fließend in ein kraftvoll-mitreißendes Stakkato übergehendes Klavierspiel von Rachel Portmann durchdringt musikalisch, anstatt nur zu unterlegen.

In dieser pietätvoll-feierlichen Huldigung an Freiheit und Willen des Menschen zeigt sich, dass der „American Way of Life“ weit mehr zu bieten hat als das kühle Kommerzstreben und die kulturelle Oberflächlichkeit, die ihm immer vorgeworfen werden.

Echt sozial...

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Die Frage von Seb fand ich echt interessant, woher das denn kommt, dass man bei uns so viel Wert auf das Soziale legt, während die wirkliche Armut der Dritten Welt dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Tatsächlich kann man keine gepflegte politische Unterhaltung mehr führen, ohne als Sünder gebrandmarkt zu werden, wenn man gegen Hartz 4 ist (womit ich dessen ersatzlose Streichung meine), während das Sterben von vielen tausend Menschen pro Tag an Kinderkrankheiten oder Durchfall höchstens noch bei Hardcore-Batik-tragenden alternativen Veganern eine gewisse Rolle spielt (vorausgesetzt, in kleinen Käfigen gehaltene Gockel sind denen nicht wichtiger). Vielleicht spielt ja Rassismus tatsächlich eine große Rolle, wie Seb schreibt. Aber meiner Meinung nach liegt das ganze Problem eher in dem Missverständnis begründet, es ginge Kommunisten, Sozialisten oder wer auch immer sich auf diese eigenartigen bürgerlichen Weltverbesserer des 19. Jahrhunderts bezieht, in erster Linie um arme Menschen, denen geholfen werden muss. Ich hab hier schon mal darauf hingewiesen, dass der Justizratssohn Karl Marx kein Wohltäter war, sondern ein egoistischer Utopist, in dessen Welt für niemanden Platz war, auf den sein piefiges Facharbeiter-Ideal nicht zutraf. Und auch Gregor Gysi ist, wie ersichtlich wird, wenn man ihm mal genauer zuhört, nur ein kleiner Spießer, der bloß im Windschatten seiner großen Geschwister Angela und Frank-Walter nicht weiter auffällt und uns deshalb seltsamerweise als Revolutionär verkauft wird. Tatsächlich geht es der Linken überhaupt nicht darum, Klassenunterschiede einzuebnen. So will man dort die besser verdienenden Arbeitslosengeldempfänger schützen, die bei Hartz 4 zu kurz kommen. Paradoxerweise ist diese Lösung zwar marktwirtschaftlicher als die der etablierteren Parteien, würde sie doch dafür sorgen, dass das Geld der Sozialversicherungen vor allem an die geht, die einzahlen. Nichtsdestotrotz treten Gysi, Lafontaine und Co. für Zwangsabgaben und -einnahmen ein. So wie die SED in der DDR die deutsche Bürgerlichkeit über ein System von Privilegien für Parteiapparatschiks im Grunde aufrechterhalten hat, so wird sie auch heutzutage die gegebene Sozialordnung nicht umstürzen. Lediglich wird sie eine Variante hin zu einer Art Kapitalfeudalismus anstreben, in dem man spätestens nach der Lehre und der ersten eigenen Arbeit sorgenfrei sein Leben auf dem selben materiellen Level wie eh und je vor sich hin verplempert mit festem Platz in der Gesellschaft. Ganz davon abgesehen, dass die Verwirklichung dieses Ideals völlig unrealistisch ist in Zeiten der Konkurrenz aufstrebender Schwellenländer, frag ich mich vor allem, warum irgendjemand so ein lebloses, trockenes Dahinvegetieren eigentlich wollen sollte? Aber vielleicht bin ich dazu einfach nicht mehr deutsch genug. Man verkauft uns das als Menschenliebe, doch in Wahrheit ist es der Ausdruck tiefsitzender Angst vor auch nur dem geringfügigsten Absturz der eigenen Lebensverhältnisse, die kleinbürgerliche Unfähigkeit, sich vorzustellen, den Zweitwagen zu verlieren oder sich nicht mehr das neueste Handy leisten zu können.
Nicht nur hier offenbart die Linke ein im Grunde tiefschwarzes Antlitz: Darüber hinaus sind Sozialisten wie konservative Politiker auch Menschen, die nicht nur Geld mit der Armut anderer machen (Bücher von Lafontaine und Kollegen verkaufen sich etwa großartig), ja, im Grunde wird bei ihnen die Armut eigentlich nur über direkte Geldmittel gelöst. Initiative, Ideen, Fleiß und Ehrgeiz, die eigentlichen Triebkräfte des Wohlstands, sind nichts im Sozialismus, ein Scheck vom Amt ist alles. Es ist eine durch und durch materialistische Philosophie, was jeden Angriff gegen die Geldgier des freien Marktes lächerlich macht. Der Unterschied zu dem angeblich kaltherzigen Gesellschaftssystem ist jedoch: Im freien Markt hat man die Wahl, was man tun will. Man kann ein großer Unternehmer werden, in ärmlicheren Verhältnissen in der Welt herumziehen oder ein beschauliches kleines Leben führen. Nutzt man seine Qualitäten und Ressourcen, ob nun im Umgang mit Geld, Menschen oder irgendwelchen anderen Talenten, dann steht einem die Welt erstmal offen. Die kollektive Wohlfahrt jedoch kennt nur ein einheitliches, im Ideal meinetwegen auch „vollkommenes“ Leben, das alle menschlichen Tätigkeitsbereiche umspannt. Dass es im Leben aber nicht darum geht, was sich irgendein Weltverbesserer für einen ausgedacht hat, sondern um das, was man im tiefsten Herzen will, dass dieses etwas nicht nur die geistige Nahrung ist, die uns am Leben erhält, sondern auch Grundlage für jeden materiellen Wohlstand, das geht Sozialisten einfach nicht in den Schädel.

Sonntag, September 06, 2009

Endlich mal wieder so richtig grausam - Basterds 3

































125 Menschen sind gestorben bei einem von Deutschen angeforderten Luftangriff und selbst konservative Medien geben jetzt ihren Segen dazu, dass man das guten Gewissens einen Krieg nennen darf (was noch vor kurzem ja umstritten war, als bloß deutsche Panzer rollten). Nachdem sich eigentlich alle miteinander arrangiert und es sich schön gemütlich eingerichtet haben in Afghanistan, die einfachen Bauern, die das dekadente Westvolk mit dringend benötigtem Stoff versorgen, die Taliban, die das Zeug handeln und zusätzlich in abgelegenen Gebieten schön der Erpressung (Steuererhebung) westlicher Hilfsorganisationen und Unternehmen nachgehen und sich so indirekt von den Amerikanern ihre gelegentlichen Attentate auf dieselben finanzieren lassen, die Amerikaner, die ihrerseits mit ein bisschen Bumm Bumm ihre geostrategische Position sichern, da kommt nun einfach dieser junge, dynamische und rechtschaffene Obama, zieht Truppen aus dem Irak ab und steckt sie nach Afghanistan, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen. Tja, Idealismus schadet eben oft mehr als er Gutes tut, wie man aus oberen Zeitungsartikeln ersehen kann. Will man Gutes tun, soll man einfach Gutes tun und ein guter Anfang dabei ist, einfach mal aufzuhören, Menschen in die Luft zu jagen.
Das gefällt mir so an Inglourious Basterds - seit langem hab ich mich nicht mehr so köstlich im Kino amüsiert -, nicht mal ansatzweise wird vorgetäuscht, irgendeine Moral im Krieg vertreten zu wollen, wie Brad Pitts Ansprache als jüdisch-stämmiger amerikanischer Guerilla-Kämpfer zeigt:

„We’re gonna be dropped into France, dressed as civilians. And once we’re in enemy territory, as a bushwackin’ guerilla army, we’re gonna be doin one thing, and thing only, Killin Nazi’s. The members of the Nationalist Socialist Party, have conquered Europe through murder, torture, intimidation, and terror. And that’s exactly what we’re gonna do to them. Now I don’t know about y’all. But I sure as hell, didn’t come down from the goddamn smoky mountains, cross five thousand miles of water, fight my way through half Sicily, and then jump out of a fuckin air-o-plane, to teach the Nazi’s lessons in humanity. Nazi ain’t got no humanity.“

Eigentlich müsste es ja ein Zeichen emotionaler Gestörtheit sein, sich so sehr an purem, ehrlichem Hass zu erfreuen, den im weiteren Verlauf des Films diese brutalen Guerillakämpfer, sadistische SS-Offiziere, eingebildete Wehrmachtssoldaten und blutrünstige Widerstandskämpfer noch etwas expliziter ausführen. Aber ganz ehrlich: In einer Welt, in der einem Grausamkeit jeden Tag als Ordnung und Stabilität, ja als höhere Ethik verkauft wird, in der Menschen an deren Händen Blut klebt, Nobelpreise verliehen bekommen, ist es da nicht der Himmel, Schrecken - der noch nicht mal echt, sondern nur gestellt ist - einmal auch in seiner Hässlichkeit vorgehalten zu bekommen?

Samstag, September 05, 2009

Die absolut total korrekte Nazi-Darstellung - Basterds 2





































Christoph Waltz hat in einem taz-Interview den Mangel an Authentizität der Inglourious Basterds nicht nur verteidigt, sondern sogar die Gefahr einer Geschichtsverfälschung durch Filme wie „Der Untergang“ Oliver Hirschbiegels angeprangert, die mit ihrem Anspruch, die historischen Fakten wiederzugeben, sowieso immer scheitern müssten, weil die Gesetze der Dramaturgie eine Abweichung davon notwendig machten. Nun sollte man vor allem der Hitler-Interpretation von Bruno Ganz in diesem Film nicht dieses Pauschalurteil aufdrücken. Seine menschliche Darstellung wirkt befreiend dahingehend, dass sie der dämonisierenden Verklärung Hitlers entgegengewirkt und zeigt, dass mit den Nazis ganz normale Menschen unvorstellbare Dinge taten.
Das Ganze erinnert ein wenig an den alten Streit um die richtige Holocaust-Aufarbeitung. Auf der einen Seite insistiert Holocaust-Überlebender Eli Wiesel, dass die Epoche nicht fiktional aufgearbeitet werden darf, weil es sich aufgrund der Schwere der Tragödie nicht ziemt sie zu verzerren. Sie habe faktengetreu wiedergegeben zu werden. Als Geschichtsstudent muss ich da allerdings einwerfen, dass man historische Fakten nicht einfach so unbeschadet aus der Realität in kleine Bücher überträgt, sondern dass die Darstellung von Fakten immer schon eine Interpretation der zugrunde liegenden realen Ereignisse darstellt, indem bestimmte Dinge gesagt und andere nicht gesagt werden. Im Gegensatz dazu steht zum Beispiel Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“, in der SS-Mann Max Schulz die Identität eines im Vernichtungslager getöteten Juden annimmt und sich so eine Existenz als hochdekorierter jüdischer Freiheitskämpfer (!) in Israel aufbaut. Ein Höhepunkt zeigt den Ärger von Schulz über einen Juden, der sich dem israelischen Zionismus gegenüber distanziert äußert. Schulz vergleicht das innerlich mit Begriffen wie „Zersetzung“ und „Führerbeleidigung“, aber benutzt diese, um die mangelnde Loyalität dieses Juden zum Judentum anzuprangern. Der Roman des jüdischen Ghetto-Überlebenden zeigt deutlich, wie wichtig es ist, den hemmungslosen Opportunismus der politisch motivierten Aufarbeitung des Holocaust, wie er etwa in Israel zum Teil stattfindet, aufzuzeigen, und zwar in einer diesem Vorgang angemessenen grotesken Form.
Zur Debatte um die Frage, welche Art von Aufarbeitung die Richtige beim Thema Krieg und Holocaust ist, kann ich deshalb nur sagen: „Peace!“ Jedenfalls sehe ich keinen Sinn darin, dem einem vom Holocaust Betroffenen mit den Argumenten des anderen die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Eli Wiesel soll alle Beteiligten ruhig immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, indem er auf Fakten besteht. Leute wie Edgar Hilsenrath sollen mit allen Mitteln, die die Fiktion zulässt, den Missbrauch und den surrealen Charakter der Grausamkeit des Dritten Reiches offenlegen. Spätgeborene wie Oliver Hirschbiegel sollen von ihrer Distanz her mitteilen können, dass diese Verbrechen von Menschen und nicht von Scharen apokalyptischer Reiter über uns gebracht worden sind und Tarantino hat das Recht, das Kriegschaos darum herum in einer permanenten, jeder Moral entbehrenden Spannung einzufangen.
Wenn es irgendein Dogma geben soll, dann das Diktum, dass die Nazi-Zeit eine so gewaltige Zäsur im menschlichen Dasein - auch, was das Verständnis von Kunst angeht - war, dass nur die verschiedensten Standpunkte verschiedenster Menschen gemeinsam etwas mehr Klarheit in diese Geschehnisse bringen können. Es gibt keine objektiven Regeln dafür - nur die Vielzahl subjektiver Perspektiven.

Freitag, August 28, 2009

Oh, mein Gott der Krieg wird privatisiert - Basterds 1



















Schon seltsam, die heutige Wahrnehmung der Menschen. Der älteren Generation hätte da ein schlichtes „Oh, mein Gott, es ist Krieg!“ schon gereicht. Aber für die gegenwärtige spielt es eben eine große Rolle, ob wehrpflichtige Soldaten (zum grundsätzlichen Problem dieser Institution, weiß Dominik einiges zu berichten) an ihrem Wachposten vorbeifahrende harmlose Kleinfamilien durchlöchern und islamischen Frauen die Unterwäsche durchwühlen oder ob das zum Beispiel vom Blackwater-Konzern bezahlte Söldner tun. Bei Nutzung Ersterer glauben viele sogar noch, es ginge in Afghanistan so geregelt und ordentlich zu, dass man nicht von „Krieg“, sondern von einem „Stabilisierungseinsatz“ (Krie- äh - Verteidigungsminister Franz-Josef Jung) sprechen sollte. Tatsächlich unterscheidet sich der Blackwater-Einsatz mit seinen von Staaten ausgebildeten Kriegern, die in einem von Staaten begonnenen und von Staaten unterhaltenen Krieg agieren, nur wenig von dem herkömmlicher Soldaten (das Argument, dass private Soldaten weniger leicht vor Gericht belangt werden können, will ich angesichts der legalen Exzesse der Kriegführung im Irak und Afghanistan hier guten Gewissens unter den Tisch fallen lassen). Private Söldner kosten bloß weniger. Der Staat, der sie zuvor lausig bezahlt hat, verkürzt durch ihre Wiederanstellung den Krieg also immerhin, anstatt ihn in die Länge zu ziehen.
Ähnlich seltsam verhält es sich beim Thema Wahrnehmung mit Filmkritiken, nehmen wir nur einmal den neuen Tarantino, Ingloriuos Basterds: Der Film missbrauche die Nazis „für eine Filmästhetik jenseits aller moralischen Absicht. Das könnte uns vielleicht noch egal sein. Aber das Schicksal der Juden wird damit auch missbraucht – und das sollte uns nicht egal sein. Das Brutalste des Films ist seine Leichtfertigkeit. Es ist ihm alles nur ein blutiger Scherz,“ schwenkt Jens Jessen den Zeigefinger in der Zeit, was in mir sofort den Impuls des sich erhebenden Mittelfingers auslöst. Es gehört zu den Ironien der Geschichte, dass wir Deutsche uns bei der Aufarbeitung unserer jüngsten Vergangenheit bemühen, dieselbe indoktrinär-autoritäre Haltung an den Tag zu legen, die wir eigentlich verurteilen wollen und das uns wie damals den Nazis ein kultureller Pluralismus abhanden kommt, der uns neue Sichtweisen eröffnen könnte. So ist Tarantinos neuer wie auch seine alten Filme durchaus „Filmästhetik jenseits aller moralischen Absicht“. Nichtsdestotrotz ist „Leichtfertigkeit“ dafür das völlig falsche Wort. Ganz im Gegenteil: Als permanentes, nervenaufreibendes Katz- und Maus-Spiel der Entlarvung von Kriegsgegnern, das jeden Moment von grausamster Brutalität unterbrochen werden kann, zeigt er eine Perspektive des Krieges, die der ständigen Angst, der sich versteckende Juden und Partisanen ausgesetzt gewesen sein müssen, näher kommt als jede moralisierende Geschichtsstunde. Der französische Familienvater, der von dem charmanten Soziopathen und SS-Standartenführer Hans Landa ausgehorcht und nach einer unendlich lang scheinenden psychischen Sezierstunde kalt bloßgestellt wird, schert sich nicht darum, dass Adolf Hitler am 30. April in seinem Führerbunker Selbstmord begeht. Tarantino interessiert sich deshalb auch nicht dafür - und das ganz demonstrativ. Mit einer Mischung aus Peter Alexander und Hannibal Lecter, aus Wiener Schmäh und vollendeter, gleichzeitig durch und durch boshafter Kultiviertheit gibt der Österreicher Christoph Waltz Landa und damit von Anfang an den Ton an. Dieses Wechselspiel der Gefühle lässt einem das Blut in den Adern gefrieren und verleiht Inglourious Basterds den Rhythmus einer emotionalen Achterbahnfahrt. Darüber hinaus sind die vielen anderen deutschen Schauspieler nicht wieder zu erkennen und laufen unter Quentin Tarantino zur Hochform auf. Neben Daniel Brühl ist das vor allem August Diehl, der nölende Moralist aus wahrscheinlich so ziemlich jedem deutschen Nazi-Film der letzten Jahre, der mit derselben unablässigen Intensität hier einen fulminanten SS-Sturmbannführer spielt, der seinen Gegner unaufhaltsam drängt und testet, bis der seine Tarnung fallen lässt.
Der reale Krieg wird hierzulande also verharmlost, während die künstlerische Freiheit in Bezug auf gestellte Gewaltexzesse immer wieder in Frage gestellt wird. Verkehrte Welt. Aber nicht nur das ist ein Problem, sondern auch der Glaube, Realität überhaupt in bewegten Bildern abbilden zu können... (Fortsetzung folgt)

Freitag, August 07, 2009

Was ist eine Inflationsrate?

„Jugendliche wissen wenig über Wirtschaft. 54 Prozent haben keine Ahnung, was eine Inflationsrate ist“ (Stuttgarter Nachrichten, 15. Juli 2009) versetzen uns die Stuttgarter Nachrichten in Angst und Schrecken.
Aber warum nur immer auf die Kleinen? Denn die geben wenigstens zu, dass sie keine Ahnung haben, was eine Inflationsrate ist, im Gegensatz zu den für die deutsche Bevölkerung wirtschaftstheoretische Standards setzenden Redakteuren dieser Zeitung. „Preise sinken erstmals seit 22 Jahren“ (30. Juli 2009) titeln die und vergleichen das mit der negativen Teuerungsrate 1986/87, setzen es allerdings mit einer negativen Inflationsrate gleich.



















Dass im Moment keine Preise steigen, ist aber noch lange kein Zeichen dafür, dass keine Inflation herrscht. Die lateinische Wortwurzel dieses Begriffs bedeutet soviel wie Aufblähen. Damit war also ursprünglich nicht das Steigen irgendwelcher Preise, sondern ganz konkret das Vergrößern der Geldmenge gemeint. Nicht immer zeigt sich das in rapide steigenden Preisen, wie uns Ökonomen einreden wollen, die einen geringen Anstieg der Preise für eine normale Entwicklung halten. Das ist nur eine Mär von Staaten, Großunternehmen und anderen Schuldnern, deren Verbindlichkeiten bequemerweise von der Inflation entwertet werden, auch ihrer stillen Variante.
Ludwig von Mises, einer der wenigen Ökonomen, die die Große Depression vorhersagen konnten, der deshalb auch einen gut dotierten Posten bei der Creditanstalt in Wien im Jahre 1929 abgelehnt hat, weil er seinen Namen nicht mit der Förderung der größten Finanzkrise aller Zeiten in Verbindung bringen wollte, wusste das. Vor allem konnte es ihm klar werden, weil er in einer Welt aufwuchs, in der es normal war, dass Preise infolge von Produktionssteigerungen und einer stabilen Geldpolitik regelmäßig sanken. Da für erstere in einer nach wie vor vor Effizienzsteigerungen und neuen Technologien nur so strotzenden Weltwirtschaft gesorgt war, musste also etwas mit der Geldpolitik nicht stimmen, als die Preise für bestimmte Produkte einfach nicht weiter fallen wollten. Tatsächlich hatte die Federal Reserve Bank, die staatliche Dollars im Unverstand druckte, um die Privatwirtschaft zu Investitionen zu bewegen und damit unrealistische Anreize setzte, die weder Verbraucher noch Anbieter erfüllen konnten, die Krise selbst verursacht.
Und heute? Leben wir in der Steinzeit? Macht die Industrie keine Fortschritte? Werden etwa keine Handys mit Internetzugang, keine Satellitenreceiver mit integriertem DVD-Rekorder zu immer geringeren Preisen auf den Markt gebracht? Bevor man daher auf konstante oder leicht sinkende (laut Stuttgarter Nachrichten 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) Preise und die Konjunkturpakete der Bundesregierung vertraut, die frei nach den Theorien von Lord Maynard Keynes Geld unter die Leute bringen, um allerseits beliebte Impulse zu setzen, sollte man sich klarmachen, dass Keynes im Gegensatz zu von Mises damals nicht fähig war, die Große Depression vorauszusagen. Er schloss die Möglichkeit einer solchen sogar für seine restliche Lebenszeit aus, weil er die in stagnierenden Preisen verborgene stille Inflation wie die meisten Beobachter nicht erkannt hatte.
Die Konjunkturpakete, so jubelt es heute aller Orten, haben ihre Wirkung noch gar nicht richtig entfaltet. So beginnen exzessive Bauarbeiten erst jetzt mit den Schulferien. Impulse sind aber nicht das, was der Wirtschaft fehlt. Was ihr fehlt, ist Kapital, das in den vergangenen Jahren im Unverstand in Häuser, Autos und andere Produkte gepumpt wurde, die jetzt keiner mehr kauft. Mittlerweile ist jedem klar geworden, dass diese Kapitalwerte abgeschrieben werden müssen und genau das ist der Grund für den Preisverfall: Weniger tatsächliches Kapital auf dem Markt als man glaubte sorgt für sinkende Preise, um Güter weiterhin in einer solchen Wirtschaft kaufen und verkaufen zu können. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass bei einem so geringen Preisverfall keine Inflation herrscht oder dass die Regierung diesen Prozess nicht sogar schon wieder rückgängig macht: Greifen die Konjunkturpakete und die Abwrackprämie erst einmal richtig, werden die durch die vermehrten Ausgaben nur ganz bescheiden zurückgegangenen Preise sogar wieder steigen und abgesehen von Banken, die das Geld ausgeben können, wenn es noch etwas wert ist und Unternehmen, die mit eben diesen Krediten arbeiten können, werden die meisten Menschen, die leider wieder viel mehr Geld für ihren Konsum ausgeben müssen, das Nachsehen haben. Wie dem Preisverfall von 1986/87, der nur ein Jahr dauerte, wird diesem also leider auch kein längeres Leben beschieden sein. Und die Begünstigten solcher unerhörten, heuchlerischen Manipulationen im Namen des Wohlstands aller sind wie immer die Mächtigen.

Sonntag, August 02, 2009

Firefly 3





























Mit der Allianz hat Whedon eine abartige Star-Trek-Sternenflotten-Karikatur erschaffen, über die man zwar nicht viel erfährt, aber deren wenige Begegnungen einem eiskalte Schauer über den Rücken jagen. Das gilt auch für den Umgang mit Doktor Simon, der seine unberechenbare Schwester River vor der Allianz gerettet hat, als deren Ärzte an ihrem Gehirn herumgedoktert haben. Anfangs trägt sich der Captain noch mit dem Gedanken, beide einfach auszusetzen, um Scherereien mit der Hegemonialmacht aus dem Weg zu gehen. Doch mehr und mehr bekommt er Mitleid mit der emotional verstümmelten River und behält sie doch an Bord. An River entwickelt sich im Kinofilm Serenity schließlich der Grundkonflikt mit den ständig für Ärger sorgenden Soldaten und Agenten der Allianz, die im besten Fall im Weg rum stehen, im schlimmsten zu albtraumhaften Taten fähig sind. Ein Geheimnis steckt hinter der Entführung und Umerziehung des Mädchens, das sich schließlich auf eine Erklärung zur Entstehung der Reavers ausweitet, schrecklichen, menschenfressenden Zombies, die die Galaxie unsicher machen. Das wiederum eröffnet der Crew der Serenity die Möglichkeit, den Beweis dafür anzutreten, dass ein unbedeutendes, mit moralischen Schwächen behaftetes Leben auf sich alleine gestellt wie das ihre nicht sinnlos ist, sondern zu einem eigenen Glaubenssystem werden kann, das sich mit berechtigter moralischer Empörung gegen den Wahn eines Kollektivs erhebt, die Welt vom Bösen zu befreien. Denn dieser oberflächlich schöne Gedanke bewirkt letztlich ein Leid und eine Raserei, das die Raubzüge der Firefly-Crew und anderer galaktischer Outlaws kilometerweit in den Schatten stellt. Zwar hat der Film auch Schwächen. Eine tiefe Beziehung zwischen Book und Reynolds wie in Serenity hat in der Serie etwa so nicht bestanden. Doch ist das wohl weniger den Fehlern Whedons anzulasten, als dass solche holprigen Übergänge vielmehr auf eine Reichhaltigkeit des Firefly-Universums hindeuten, das der Produzent wegen der vorzeitigen Absetzung der Serie in seiner vollen epischen Breite leider nie entfalten konnte.
Nicht nur moralisch, auch was den Kampf angeht, agiert die Allianz, die nach Möglichkeit sämtliche Pionier-Planeten in ihre Brave New World integrieren möchte, überheblich und bietet kleinen Rebellen wie Reynolds so immer wieder ein Schlupfloch. Versinnbildlicht wird das in Serenity in einem Kampf zwischen ihm und dem „Operator“, einem mit weitreichenden Befugnissen ausgestatteten Allianz-Agenten: Der perfekt trainierte Imperiumsscherge, dessen Mission es ist, alles Rückständige und der perfekten Zukunftsvision der Allianz im Weg stehende auszurotten, glaubt, mit Reynolds leichtes Spiel zu haben. Er manipuliert im Zweikampf dessen im Rückenbereich gelegenen Nervensysteme, um Reynold die Fähigkeit zu nehmen, seinen Körper zu bewegen, eine Kampftechnik, die er am Anfang des Films schon demonstriert hat. Doch die perfekten anatomischen Kenntnisse des Mannes erweisen sich als wertlos, da Reynolds Nervenstränge im Krieg gegen die Allianz bereits abgetötet wurden. Der Captain hat so die Überraschung auf seiner Seite und leichtes Spiel mit seinem Gegner, gerade weil er selbst unvollkommen und fehlerhaft ist. So steckt viel mehr in dieser Serie und ihrer Kinoversion als nur ein trotziges „Fuck You“ an alle Spaßbremsen, die einem ohne vorherige Einwilligung ihre Regeln aufzwingen wollen (was alleine schon einen Heidenspaß macht). Es geht darum, mit solcher Unabhängigkeit eine moralische und auch tatsächliche Überlegenheit zu beweisen. Denn genau diese Einstellung ist es letztlich, die einen vor schlecht kalkulierten Weltverbesserungsversuchen bewahrt, welche mehr Terror schaffen als abschaffen.

Mittwoch, Juli 29, 2009

Che - Guerilla (Stuttgarter Nachrichten, 23.07.2009)



Es ist ja schlimm genug, dass ein bieder-konservatives Blatt sich immer wieder - etwa in Kommentaren von Wolfgang Molitor zur Europawahl - entrüstet zeigt, wenn der Wähler nicht brav Kreuzchen auf Wahlzetteln macht. Dabei bleibt ihm ja nichts anderes übrig. Wenn Journalisten ihm schon nicht dabei helfen wollen, eine Stimme gegen unfähige und korrupte Politiker zu finden, muss der Bürger sich eben selbst helfen und nutzlose Abstimmungen wie die Europawahl ignorieren. Aber sollte man doch meinen, dass diese Engstirnigkeit der Stuttgarter Nachrichten dann wenigstens kritisch den Faschismus von links unter die Lupe nimmt.
Doch weit gefehlt - „Die Kamera verschmilzt mit dem Gejagten“ huldigt Bernd Haasis dem zweiten Teil von Steven Soderberghs Che-Guevara-Biographie, der nun in den Kinos läuft. Die einzigen Kritikpunkte, die Kritiker und Film für den Revolutionsführer übrig haben, liegen in der wenig herzlichen Aufnahme, die Guevara bei der bolivianischen Bevölkerung während seines Umsturzversuchs 1965 gefunden hat und bei seiner Unfähigkeit, mit diesem Problem realistisch umzugehen. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem Benicio del Toro mit penetranter Heiligenscheinaura um ein Haar über Wasser gelaufen wäre, ist es natürlich schon ein erheblicher Fortschritt, dass nun überhaupt ein bisschen an der Fassade des Mythos gekratzt wird. Nichtsdestotrotz schafft Soderbergh es, in seinen mittlerweile über vier Stunden Film nicht einmal die zentrale Rolle Guevaras in den Hinrichtungen im berüchtigten Cabana-Gefängnis oder dessen irrsinnigen, das Land verarmenden Industrialisierungsversuch auf Kuba zu erwähnen, von seiner mit Abstand planlosesten Expedition in den Kongo, die am völligen Mangel an Empathie für die einheimische Bevölkerung grundlegend gescheitert ist, ganz zu schweigen. Dieser dem Wahnsinn verfallene argentinische Mediziner hat, als er bedauerte, dass die UDSSR ihn leider nicht ihre Atomraketen auf die USA abfeuern ließ, nach der Kubakrise sogar einen mit ihm sympathierenden, kommunistischen Journalisten erheblich irritiert. Soderbergh, der ansonsten ganz schnell dabei ist, die Korruption des amerikanisch-mexikanischen Drogenhandels in Traffic oder die Rücksichtslosigkeit von Chemiekonzernen in Erin Brokovich aufzudecken, verliert kein Wort über solche Schattenseiten seines Helden. Als del Toro schließlich mit stoischer Miene einen ihn bewachenden bolivianischen Soldaten über die Toleranz aufklärt, die Katholiken auf Kuba erfahren würden, wird das für den Zuschauer vorgetragen, als würde Jesus Christus dem Sünder am Kreuz das Tor zum Himmelreich öffnen. Dass Guevara mit großer Wahrscheinlichkeit höchstpersönlich die Lager ins Leben gerufen hat, in denen unter anderem auch verschiedene religiöse Minderheiten inhaftiert wurden und dass die „Toleranz“ gegenüber dem katholischen Teil der Insel nichts weiter als Opportunismus der revolutionären Bewegung war, die einfach nicht blöd genug gewesen ist, sich mit einem Großteil ihrer Untertanen anzulegen, solche wichtigen Details fehlen einfach. Noch nie ist mir ein Film untergekommen, bei dem es so wichtig war, zu erwähnen, was gar nicht in der Handlung vorkommt. Die radikale Linke mit ihrem nervtötend kritischen Geschichtsverständnis, das, wenn es sich dann doch einmal zum Positiven wendet, in widerliche Heiligenverehrung ausartet, macht das einfach notwendig.
Man hätte den durchaus charismatischen und ehrlich idealistischen Guevara ja nicht unbedingt zum Teufel abstempeln müssen. Jedoch wäre mit Sicherheit ein künstlerisch weitaus wertvolleres Werk herausgekommen, wenn der letztendlich über die Welt gebrachte Schrecken dieses Messias der Baby-Boomer-Generation mit seinen ach so guten Absichten in Kontrast gesetzt worden wäre.

Firefly 2


















Es ist diese Mischung aus verträumtem Sehnen nach vergangenen Idealen und pragmatischer Rauheit, als elementarer Bestandteil eines jedes guten Westerns verkörpert in der Hauptfigur Malcolm Reynolds, die der Serie ihren besonderen Charme verleiht. In einer Zeit, in der immer mehr sehr gut geschriebener und inszenierter, aber auf gewisse Weise auch einfach dröger Kollektivismus Kino und Fernsehen durchdringt (die uniformen Star-Trek-Flotten, die Verherrlichung des chinesischen Kaisertums in Hero, die interessante moralische Fragen aufwerfende, aber doch immer wieder penetrant den politischen Staatus Quo verteidigende Serie 24 um Beispiele zu nennen) und Individualität nur noch als Entscheidung zur persönlichen Aufopferung für das große Ganze duldbar erscheint, ist dieses kostbare kleine Kunstwerk um Menschen, die einfach ihr eigenes Leben leben wollen, auch wenn das Härten und Strapazen mit sich bringt, eine echte Wohltat. Leider reflektierte auch seine Vermarktung den Handlungsstrang um den verzweifelten Kampf Groß gegen Klein: Der Sender Fox meinte, sich in die Erzählabfolge der Serie einmischen zu müssen, verschob die Pilotfolge nach hinten und verwirrte sein Publikum anscheinend so sehr, dass die Firefly-Quoten sich nie entfalten konnten und das Schmuckstück noch vor der letzten Folge abgesetzt wurde. Wäre da nicht eine kleine, sehr engagierte Fangemeinde - es wäre wohl nie zu der großartigen Kinoversion Serenity um die großartig gezeichneten Charaktere gekommen.
Da sind die junge, heitere, wegen ihres Hormonhaushalts besorgte Mechanikerin Kaylee, der vorlaute Pilot Hoban und seine wortkarge amazonenhafte Ehefrau Zoe neben den bereits genannten Personen. Der Pilotfilm lässt noch den etwas steifen Doktor Simon, dessen verwirrte Schwester River und den nicht immer ganz christlich agierenden Geistlichen (in der Zukunft „Shepard“ genannt) Derrial Book als Passagiere hinzutreten. Besonders schön anzusehen ist, wie diese bunte Schar von Menschen zwar auf sich gestellt sein will, aber sich deshalb noch lange nicht egoistisch verhält. Ganz im Gegenteil: Das enge Zusammenleben und das Aufeinanderangewiesensein von Kriegern, einem Arzt, einem Mechaniker und anderen Individuen produziert mit der Zeit ein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Episode Our Mrs. Reynolds, in der die Crew eine Trickbetrügerin besiegen muss, zeigt, was Reynolds am Ende für den Zuschauer laut ausspricht: Menschen, die füreinander einstehen und sich gegenseitig auf sich verlassen können, werden brutale, eiskalte Individualisten immer überwinden. Doch anders als in Serien wie Star Trek, wo sich alle von Anfang an lieb haben, wirkt es hier echter, weil die Figuren sich erst nach und nach zusammenraufen. Die Allianz, mit ihrer oberflächlich eifernden Solidarität und dem Drang die Welt zu verbessern, was doch am Ende nur immer noch mehr Leid bringt, zeigt sich dagegen als der wahre Egoist.